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Hygiene wird bei den Kleinsten GROß geschrieben

Stand: Januar 2026

  • Dr. Alexandra Koch, Tiergesundheitsdienst Sachsen-Anhalt
  • Dr. Ingrid Lorenz, Tiergesundheitsdienst Bayern
  • Konstanze Rohwer, Hof Blauer Lieth, Westerrönfeld; Impulsbetrieb Tierwohl
  • Dr. Andreas Steinbeck, Boehringer Ingelheim Vetmedica GmbH
  • Dr. Ilka Steinhöfel, Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie
  • PD Dr. Julia Steinhoff-Wagner, TUM School of Life Science

  • Dr. Rebecca Simon, Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen
  • Leonie Schnecker, Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen
  • Saskia Markmann, Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen

  • Dr. Regina Dinse, Fachbereich Agrarwirtschaft und Lebensmittelwissenschaften, Hochschule Neubrandenburg

Einleitung

Bei allen bedeutenden Erkrankungen junger Kälber (Durchfall, Lungenentzündung, Nabel- oder Gelenksentzündung) handelt es sich um klassische Faktorenerkrankungen. Das bedeutet, das neben oftmals in allen Rinderhaltungen vorkommenden Krankheitserregern immer auch Umwelt- oder Managementfaktoren am Ausbruch der Erkrankung beteiligt sind. Der wesentliche Grundsatz zur Aufzucht gesunder Kälber ist daher, die Abwehrkraft des Kalbes so hoch und gleichzeitig den Keimdruck so niedrig wie möglich zu halten.

Hygiene im eigentlichen Sinne meint alle Maßnahmen, die der Erhaltung und Verbesserung der Gesundheit dienen und die zur Vermeidung oder Bekämpfung von Infektionen eingesetzt werden. Landläufig wird der Begriff Hygiene allerdings oft enger interpretiert und mit Reinigungs- und Desinfektionsmaßnamen gleichgesetzt. Auch dieser Artikel beschäftigt sich hauptsächlich mit Maßnahmen, die das Risiko der Erregerexposition für das Kalb reduzieren. Faktoren, die die Abwehrkraft des Kalbes beeinflussen und konkrete Empfehlungen zur Minimierung von Infektionsrisiken werden ebenfalls angeführt. Ein Exkurs mit den wichtigsten Punkten zur Fütterung von Kälbern schließt sich dem Artikel an.  

Erkrankungen

Die Wachstumsintensität in den ersten Wochen nach der Geburt wirkt sich auch auf das spätere Leben des Jungrindes aus, z.B. auf den Zeitpunkt der ersten Trächtigkeit, auf die Milchleistung in der ersten Laktation aber auch auf die Nutzungsdauer im Betrieb. Das wichtige Ziel hoher Tageszunahmen wiederum wird durch ein komplexes, häufig betriebsspezifisches Netz aus verschiedenen Faktoren beeinflusst. Häufigkeit und Schweregrad von Erkrankungen in der Kälberaufzucht gehören dazu.

Die wichtigste Rolle spielen in den ersten Lebenswochen Durchfall- und Atemwegserkrankungen. Erkrankungen des Nabels und der Gelenke können ebenfalls schwerwiegende Folgen haben, treten gehäuft aber eher auf einzelbetrieblicher Ebene auf. Gleiches gilt für Erkrankungskomplexe aufgrund von Infektionen mit z.B. Salmonellen oder Clostridien.

Grundsätzlich gilt, dass jedes kranke Kalb eines zu viel ist. Nichtsdestotrotz bedarf es Orientierungswerte, ab welchen Erkrankungshäufigkeiten im Betrieb dringender Handlungsbedarf besteht, siehe Tabelle 1. Voraussetzung zur Anwendung von Orientierungswerten ist eine ehrliche und lückenlose Dokumentation im eigenen Betrieb.

IndikatorEinheitZielwertAlarmwert
Behandlungsinzidenzen   
Atemwegserkrankungen (Anteil Atemwegsbehandlungen pro 100 Kälber und Jahr)Anteil in %≤ 5,0≥ 20,0
Durchfallerkrankungen (Anteil Durchfallbehandlungen pro 100 Kälber und Jahr)Anteil in %≤ 5,0≥ 15,0

Tabelle 1: Orientierungsrahmen mit Ziel- und Alarmwerten für die betriebliche Eigenkontrolle bei Aufzuchtkälbern (bis 6 Monate) zur Einordnung der Erhebungsergebnisse tierbezogener Indikatoren gemäß KTBL-Praxisleitfaden „Tierschutzindikatoren – Rind“, verändert nach Brinkmann et al. (2020) 

Häufigkeit und Schweregrad der genannten Erkrankungen werden wiederum durch verschiedene Komponenten beeinflusst. Neben immunmodulierenden Komponenten (Kolostrumversorgung, Energie- und Nährstoffversorgung, Komfort, Stress, Zeitpunkt des Kontakts zum Erreger, etc.) spielt der Erregerdruck, also die Konzentrationen spezifischer und unspezifischer krankmachender Keime in der direkten Umgebung des Kalbes eine entscheidende Rolle. Durch die Umsetzung von Hygienemaßnahmen und die effektive Reduktion dieses Keimdrucks kann das Risiko für Erkrankungen in der Kälberaufzucht minimiert werden. 

Die Diagnostik zum Nachweis spezifischer Krankheitserreger ist sicherlich ein wichtiges Instrument. Sie sollte aber im Gesamtkonzept nicht überschätzt werden. So ist das Wissen um spezifische Krankheitserreger von Durchfall- und Atemwegserkrankungen vor allem dann von Bedeutung, wenn erregerspezifische Übertragungswege zu beachten sind oder es z.B. um die Wahl von Desinfektionsmitteln, die Erstellung von Impfprogrammen oder Behandlungskonzepten geht. 

Reinigung und Desinfektion

Um Krankheitserregern entgegenzuwirken sind korrekt durchgeführte Reinigungs- und Desinfektionsmaßnahmen wichtig. Nachfolgend werden die wichtigsten Schritte einer Hygienemaßnahme Beispiel einer Abkalbebucht aufgezeigt. 

Idealerweise wird die Abkalbebucht im Rein-Raus-Prinzip belegt und die Reinigung findet zwischen der Ausstallung und der Neueinstallung statt. Wird die Bucht kontinuierlich belegt, wie es häufig bei Gruppenbuchten der Fall ist, sollte die Reinigung mindestens alle 2 Wochen erfolgen. 

In Abb. 1 ist exemplarisch erkennbar, wie stark die Keim-/Bakteriendichte durch das Reinigen und Desinfizieren abnimmt. Eine häufige Reinigung und Desinfektion hilft, die Übertragungswege zu unterbrechen und senkt damit auch das Risiko des Auftretens von Kälbererkrankungen, wie bspw. Durchfällen (Trotz-Williams et al., 2007; Klein-Jöbstl et al., 2014). 

3.1 Reinigung

Gemäß der vier Schritte einer optimalen Reinigung in Abbildung 2, wird nach der Ausstallung im ersten Reinigungsschritt mit der Entmistung begonnen. Je mehr Material bei der mechanischen Reinigung entfernt werden kann, desto besser. Anschließend sollten vorhandene Mist- und Futterreste gut eingeweicht werden. Der Einsatz von Reinigungsmitteln, die z.B. mit einer Schaumlanze aufgebracht werden, wird hierfür empfohlen. Durch die enthaltenen Tenside werden auch Fette gelöst und die Grundlage für eine wirkungsvolle Desinfektion geschaffen. Ein Hochdruckreiniger – idealerweise mit Heißwasser – ist für die gründliche Reinigung unerlässlich. Sollten noch (hartnäckige) Verschmutzungen verblieben sein muss der Reinigungsprozess wiederholt werden. Vor der Desinfektion müssen die Flächen vollständig abgetrocknet sein, um eine sichere Wirkung des Mittels zu gewährleisten (Verdünnungsfehler vermeiden).

Hinweis

Eine Beeinträchtigung mit Kälbern belegter Bereiche durch Aerosole (Übertragung von Krankheitserregern und Feuchtigkeit) während der Reinigung sollte vermieden werden. Es bedarf einem gezielten Abfluss der Flüssigkeiten (Vermeidung des Abflusses in belegte Bereiche) und gute Bedingungen zum Trocknen (Luftumwälzung, Sonneneinstrahlung).

3.2 Desinfektion

Die Abkalbebucht muss vor der Desinfektion frei von Verschmutzungen sein, da Schmutz nicht desinfiziert werden kann und aufgebrachte Desinfektionsmittel unwirksam macht (Eiweißfehler)! 

Es bedarf einer gezielten Auswahl von Desinfektionsmitteln, die die wichtigsten kälberspezifischen Krankheitserreger aber auch den unspezifischen Keimgehalt effektiv reduzieren. Diese sollten eine Wirksamkeit gegen Bakterien, Viren und Kryptosporidien aufweisen.

Eine von der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft (DVG) erstellte Übersicht gibt einen guten Überblick darüber, welche Desinfektionsmittel auf dem Markt erhältlich sind, gegen welche Erreger sie eingesetzt werden können und welche Wirkstoffe sie beinhalten. Da Erreger gegen Desinfektionsmittel resistent werden können, sollte die Auswahl immer zielgerichtet gegen die im Stall vorhandenen Erreger ausgewählt und bei Bedarf gewechselt werden (DVG, 2020). 

In der Datenbank kann nach Produkt, Anwendungsbereich und Einwirkzeit selektiert, sowie gezielt nach Herstellern gesucht werden. Abweichungen in der Konzentration der gebrauchsfertigen Lösung sowie Nicht-Beachtung der Umgebungstemperatur bei der Anwendung (Kältefehler) sind die häufigsten Fehler bei der Anwendung von Desinfektionsmitteln. Daher ist die Gebrauchsanweisung des jeweiligen Desinfektionsmittels unbedingt zu beachten (Abb. 3: Einflussfaktoren einer erfolgreichen Desinfektion).

zu den DVG-geprüften Desinfektionsmittel für den Einsatz in der Tierhaltung

 

Mit Blick auf die schlechte Umweltverträglichkeit von chemischen Desinfektionsmitteln, gibt es auch die Möglichkeit mit UVC-Licht oder bei hitzebeständigen Materialien mit Dampf oder Feuer zu desinfizieren.

UV-C-Desinfektion in der Kälberhaltung

Bei der Anwendung des Desinfektionsmittels sollten die drei dargestellten Schritte (Vorbereitung, Ausbringen, Nacharbeiten) beachtet werden:

Hinweis

Desinfektionsmittel sind meist chemisch äußerst reaktive Substanzen, die für den Menschen und das Tier gesundheitsschädlich sein können. Desinfektionsmittelrückstände in Trögen oder Tränken müssen durch Abspülen gründlich entfernt werden. Im Anschluss an die Desinfektion (vollständige Abtrocknung der Mittel) kann ein Leerstand der Abkalbebuchten zu einer weiteren Keimreduktion beitragen. Direkt vor der Einstallung muss jedoch unbedingt das Stagnationswasser aus Tränkeleitungen entfernt und die Tränke(n) mit frischem Wasser befüllt werden. 

Hygiene im Abkalbebereich

4.1 Infektionsrisiken und Übertragungswege

Schon bei der Geburt ist das Infektionsrisiko hoch. Das Kalb verfügt zum Zeitpunkt der Geburt noch nicht über eine ausreichende Immunabwehr und ist zu diesem Zeitpunkt Infektionen schutzlos ausgeliefert. Die Geburt auf einer Fläche, die noch nicht mit dem Kot anderer Rinder verschmutzt ist, schützt das Kalb vor Infektionen mit Erregern der anderen Rinder. 

Auf naturnahen Weiden kalbende Rinder suchen für die Geburt einen Platz auf, der vom Aufenthaltsort der übrigen Herde getrennt ist (Abb. 5). Ziel sollte es sein, diesen natürlichen Verhaltensweisen, wie sie auf strukturierten Weiden beobachtet werden können, auch im Stall so nah wie möglich zu kommen. 

Gestaltung eines Abkalbebereichs

Verschmutzungen mit Kot stellen sowohl für Kälber als auch für Kühe ein hohes Infektionsrisiko dar. Eine Infektion kann schon während der Geburtshilfe stattfinden, wenn z.B. über die verschmutzte Scham oder den Kuhschwanz, über unsaubere Hände oder schmutzige Arbeitskleidung Kotpartikel und Erreger in den Geburtskanal eingetragen werden.

Weitere Informationen Rund um Geburt und Geburtshilfe

Video: Atempumpe richtig einsetzen

Video: Fachgerechter Einsatz des mechanischen Geburtshelfers

Video: Geburt als natürlicher Vorgang

Video: Geburtshilfe bei Hinterendlage

Video: Geburtshilfe bei Rindern

Video: Geburtshilfe bei Vorderendlage

Video: Geburtshygiene und Dokumentation

Video: Geburtsnachversorgung bei Rindern

Video: Geburtsüberwachung

Video: Gestaltung Abkalbebereich

Video: Kolostrumfütterung von Kälbern

Video: Prüfung der Durchgängigkeit des Beckens

Video: Schwergeburten beim Rind

Diesen Infektionen kann am besten vorgebeugt werden, wenn die Kühe so gut auf die Kalbung vorbereitet worden sind, dass keine Geburtshilfe notwendig wird. Kälber aus spontanen Geburten, die ohne Hilfestellung geboren werden, infizieren sich häufig beim ersten Kontakt mit verschmutzter Einstreu oder bei ihrem ersten Kontakt zum Menschen. Hierbei gibt es Krankheitserreger, die für das neugeborene Kalb ein unmittelbares Risiko darstellen. Dies sind zum Beispiel die Erreger des Neugeborenendurchfalls (v. a. Rotaviren und Kryptosporidien) oder Eitererreger, die Nabelentzündungen auslösen. Andere Erreger sind für die Tierseuchensituation in der Herde von Bedeutung. So sind z.B. nur junge Kälber für eine Ansteckung mit dem Erreger der Paratuberkulose empfänglich. Die Ausscheidung des Erregers oder evtl. auch eine Erkrankung erfolgen aber erst bei erwachsenen Kühen. Das Hygienemanagement im Abkalbebereich muss daher immer auch in Absprache mit dem betreuenden Tierarzt an die betriebsspezifische Situation angepasst werden.

4.2 Empfehlungen zur Minimierung des Infektionsrisikos

Optimal ist, wenn jeder abkalbenden Kuh ein sauberer, noch nicht mit Kot verschmutzter oder mit Fruchtwasser anderer Kühe kontaminierter Bereich zur Verfügung gestellt werden kann, siehe Abbildung 6. Kann eine Abkalbung nur in einem Gruppenbereich gemeinsam mit anderen Kühen stattfinden oder ist es nicht möglich, die Einzelbox nach jeder Kalbung zu misten und zu reinigen, sollte der Liegebereich zumindest sehr reichlich mit frischer sauberer Einstreu versehen sein. Ein Hilfsmittel, um das Kalb bei der Geburt auf einer sauberen Fläche aufzufangen, kann die Abkalbematratze sein, siehe Abbildung 7. Abkalbebereiche sollten ausschließlich für gesunde kalbende Kühe und nie für kranke Tiere genutzt werden! Der Bereich zur Abkalbung sollte leicht zu reinigen und einfach eingestreut werden können. Glatte Flächen aus Kunststoff, Holz oder feinporigem ggf. versiegeltem Beton lassen sich leicht reinigen bzw. bringen biozide Eigenschaften mit. Ein verformbarer Bodenbelag ermöglicht es, mit einer Minimalmenge an Einstreu zu arbeiten. Eine gute Belüftung des Stallbereichs oder Heizschleifen im Fußboden lassen frisch gereinigte Flächen schnell trocknen. Sand bietet zwar einen hohen Liegekomfort und gilt aufgrund seiner mineralischen Beschaffenheit als erregerarm. Nach Nutzung muss aber auch eine Sandeinstreu gereinigt oder ausgewechselt werden. 

Für die Geburtshilfe notwendige Hilfsmittel sollten in einem sauberen Raum in unmittelbarer Nähe der Abkalbebucht gelagert werden (Abb. 8 & 9). Ein Warmwasserzugang in unmittelbarer Nähe der Abkalbebucht ermöglicht es alle genutzten Hilfsmittel sowie Hände, Stiefel und Schürzen sofort nach dem Einsatz arbeitssparend zu reinigen. 

InfektionsrisikenEmpfehlungen zur Risiko-Minimierung
  • Geburtsstörungen, die die Vitalität des Kalbes beeinträchtigen
  • Bedingungen in der Trächtigkeit, welche die immunologische Entwicklung des Kalbes mindern
Optimale Vorbereitung der Kühe auf die Kalbung zur Vermeidung von Geburtsstörungen und für eine optimale immunologische Entwicklung des noch ungeborenen Kalbes Haltung von Milchkühen im geburtsnahen Zeitraum (LAZBW)
  • Kalb kommt in Kontakt mit
    • Kot anderer Kühe und älterer Kälber auf Stallflächen und in der Einstreu
    • Kot verschmutzte Kühe
    • Kotpartikeln an Händen, Kleidung und/oder Stiefeln der Tierpfleger
    • Kotpartikeln, Fruchtwasserresten und Staub auf Geburtshilfe-Materialien
    • kranken Kühen oder Kälbern
    • Fruchtwasser von mit Kuhfieber oder Para-TB infizierten Kühen
    • Schimmelpilzen im Stallstaub und der Einstreu
  • Verschmutzte Kühe vor der Einstallung in den Transitbereich säubern
  • Für jede Kuh zur Abkalbung eine gesäuberte und frisch eingestreute Box/Bucht bereitstellen
  • Möglichst kurzer Aufenthalt in der Abkalbebucht vor der Kalbung
  • In Gruppenboxen/-buchten Abkalbematratze verwenden oder einen sauberen Bereich für kalbende Kühe abtrennen, zumindest täglich einstreuen, dass ein Liegen auf trockener, sauberer Oberfläche möglich ist
  • Qualitativ hochwertige, hygienische Einstreu verwenden
  • Abtrennung von Kühen mit Infektionspotenzial, sofern bekannt (betriebsspezifische Gegebenheiten beachten)
  • Für Geburtshilfemaßnahmen saubere Hygienekleidung (Einmalhandschuhe, langärmlige Einmalkittel) und saubere Stiefel tragen sowie saubere Geräte und Hilfsmittel verwenden (geschützt vor Schmutz in separatem Raum oder Schrank, kleinere Teile, Spritzen, Seile usw. in Dosen oder verschließbaren Eimern)
  • Siehe Video “Geburtshygiene und Dokumentation
  • Hilfsmittel nach jedem Einsatz gründlich reinigen und ggf. desinfizieren
  • Kranke und kalbende Kühe nicht in der gleichen Box/Bucht halten
  • Hand- und Gerätewaschmöglichkeit in der Nähe der Abkalbebox/-Bucht
  • Vorlage von Futter höchster Qualität, Tränkwasser in Trinkwasserqualität aus täglich gereinigten Tränken

Tabelle 2: Die häufigsten Infektionsrisiken für Kälber im Abkalbebereich und Empfehlungen zur Minimierung

4.3 Hygienestandards beim Umgang mit Erstkolostrum

Die tatsächlichen Keimbelastungen von Erstkolostrum werden in den Betrieben deutlich unterschätzt. 

Erhöhte Keimzahlen im Erstkolostrum senken zum einen direkt die Absorptionseffektivität von Immunglobulinen im Darm. Zum anderen birgt eine erhöhte Belastung des Erstkolostrums mit coliformen Keimen ein erhöhtes Risiko der Vertränkung von krankmachenden Keimen an das neugeborene Kalb. Deshalb ist bei der Gewinnung, Lagerung sowie Vertränkung von Erstkolostrum im Betrieb ein hoher hygienischer Standard zu etablieren. Zu beachten sind nachfolgende Punkte: 

  • Hohe Einstreusauberkeit im Abkalbebereich, um eine hohe Zitzensauberkeit zu erreichen (Einstreumenge bei Tiefstreu: 10 kg Stroh je Tier und Tag, Belegdichte: 12 m2 je Kuh).
  • Sehr gute Vorreinigung der Zitzen vor dem Ermelken von Erstkolostrum (mit trockenen oder feuchten Einmaltüchern, ggf. Predipp).
  • Reinigung und Desinfektion (z.B. mit Peressigsäure) des Melkgeschirrs und der milchführenden Schläuche nach jeder Gewinnung von Erstkolostrum.
  • Reinigung und Desinfektion der Auffang- und Lagerungsbehälter für Erstkolostrum nach jeder Nutzung.
  • Vermeidung von „stehendem“ Restwasser in Behältnissen, milchführenden Schläuchen etc., die bei der Gewinnung, Lagerung und Vertränkung von Erstkolostrum verwendet werden (Abflussmöglichkeit von Restwasser z.B. durch Überkopflagerung).
  • Vermeidung des Mischens von Erstkolostrum verschiedener Tiere vor und während der Lagerung.
  • Hinweise zur Lagerung von Frischkolostrum:
  • Verwendung von Kühlschränken mit ausreichend großer Kühlkapazität (schnelle Kühlung von großen Erstkolostrummengen, Halten niedriger Kühltemperaturen auch bei hohen Außentemperaturen).
  • Herunterkühlen frisch gewonnenen Kolostrums innerhalb von 2 h auf 3°C.
  • Kontinuierliche Überwachung (Thermometer im Wasserglas) der Kühlschranktemperatur: 3°C.
  • Strikte Beschriftung der Kolostrumchargen mit Datum und Uhrzeit der Gewinnung.
  • Lagerdauer: 1 Tag

 

Achtung

Steigende bzw. hohe Außentemperaturen im Spätfrühling, Sommer und Frühherbst stellen ein Risiko dar, da sie bestehende Hygieneprobleme beim Erstkolostrum erheblich verschärfen. 

Das junge Kalb (ca. 1.-4. Lebenswoche)

Häufigkeit und Schwere von Erkrankungen beim jungen Kalb werden vor allem von vier Bereichen beeinflusst, die wiederum komplex zusammenwirken. Hierzu gehören:

  • Immunabwehr stärkende und schwächende Faktoren

  • der Infektionsdruck (Keimgehalt) in der Umgebung des Kalbes 

  • die Gesundheitsüberwachung

  • die Erkennung und die Behandlung von Erkrankungen

Diese einzelnen Punkte werden im Folgenden ausführlicher beleuchtet.

Das Immunabwehrsystem des neugeborenen Kalbes entwickelt sich schon während der Trächtigkeit. Ein großzügiges Platzangebot, die Möglichkeit extremen Witterungsbedingungen auszuweichen und die adäquate Versorgung der Muttertiere mit Nähr- und Mineralstoffen, Vitaminen und Spurenelementen beeinflussen die Entwicklung der Feten maßgeblich. Das Erregerspektrum des Haltungsumfeldes der hochtragenden Kühe und Muttertierimpfungen beeinflussen die Spezifik des sich entwickelnden Immunsystems des Kalbes sowie die Zusammensetzung der Kolostralmilch. Mit der frühzeitigen und reichlichen Kolostrum- Versorgung wird die Weiterentwicklung des Immunsystem des Kalbes ausgelöst und unterstützt. Einen erheblichen Einfluss haben eine hohe Energie- und Nährstoffversorgung, sie wirken stabilisierend auf diese Entwicklungsprozesse. Dazu zählt ein Tränkmilchangebot (Vollmilch oder Milchaustauscher mit adäquater Nähstoffkonzentration) in der Menge von ca. 20% des Körpergewichts des Kalbes. Da sich auch die Enzymausstattung im Labmagen der Kälber in den ersten Wochen noch entwickelt, sollte dies bei der Wahl der Inhaltsstoffe und der Darbietungsform der Tränke (Temperatur, Saugerangebot und -gestaltung, Häufigkeit) beachtet werden. Nehmen diese jungen Kälber täglich 800g und mehr an Gewicht zu, kann davon ausgegangen werden, dass sie gesund sind und bedarfsgerecht ernährt wurden. Darüber hinaus sollte mit dem betreuenden Tierarzt ein strategisch sinnvolles, betriebsspezifisches Impfkonzept erarbeitet und umgesetzt werden. 

Schwächend auf die Abwehr wirken Umgebungsbedingungen, welche z.B. die Thermoregulation der Kälber überfordern: 

  • kein Schutz vor Zugluft 

  • schlecht isolierende und feuchte Liegebereiche

  • hohe Luftfeuchte 

  • Hitze

Auch zu hohe Staub- und Schadgaskonzentrationen belasten die Atemwege und vereinfachen das Eindringen von Erregern. Immunabwehrschwächend kann auch eine unphysiologische Ernährung wirken, wie z.B. zu große Tränkepausen, zu hastige Tränkeaufnahme, zu wenig Tränke, nicht oder nur schlecht verdauliche Rationsbestandteile. Auch geht man heute davon aus, dass Sozialstress Erkrankungen begünstigen kann.

Weitere Informationen zur Kolostrumversorgung

Kolostrumversorgung

Podcast: Kolostrumversorgung Kälber

Video: Kolostrumfütterung von Kälbern

5.1 Niedriger Erregerdruck und Übertragungswege stoppen

Aufgrund ihres sich noch in der Entwicklung befindlichen Immunsystems stellt jeder Erregerkontakt für die jungen Kälber ein potenzielles Infektionsrisiko dar. Deshalb wird empfohlen, den neugeborenen Kälbern eine Haltungsumgebung zu bieten, welche nicht mit dem Kot anderer Kälber oder Kühe verschmutzt ist. Mit diesem Ziel sind die Haltungsbereiche vor jeder Belegung fachgerecht zu reinigen und zu desinfizieren. Auch mehrtägige Leerstehzeiten der gereinigten und desinfizierten Aufstallungsbereiche ggf. kombiniert mit dem Wechsel der Aufstallungsorte helfen, den Erregerdruck für das Kalb zu mindern. Was für die Kontaktflächen der Haltungseinrichtung gilt, ist ebenso auf Tränkeinrichtungen (Nuckel, Eimer, Futter- und Drenchgeschirre), Kälberdecken, Transportkarren und Waagen aber auch auf Hände, Kleidung und Stiefel der betreuenden Personen zu übertragen.

Eine tägliche sachgerechte Reinigung von Nuckeln, Tränkgeschirren sowie Wasser- und Futterschalen, um Milch- und Futterreste sowie Kotpartikel zuverlässig zu entfernen, liefert die Basis für ein geringes Infektionspotenzial. Drenchbestecke oder andere Hilfsmittel mit denen die Kälber direkt in Kontakt kommen, sind nach jedem Einsatz zu reinigen. Neben warmem Wasser, Bürsten und Spülmittel können auch z.B. handelsübliche Spülmaschinen für Nuckel oder andere Kleinteile sinnvoll zum Einsatz kommen (Abb. 11).

Die automatisierte Reinigung von Nuckeleimern in speziell dafür konzipierten Waschautomaten ist ebenfalls sehr empfehlenswert. Poröse Oberflächen erschweren die Reinigung. Deshalb sollten z.B. Nuckel gewechselt werden, bevor sie sichtbare Gebrauchsspuren aufweisen. Da es nicht auszuschließen ist, dass Kotreste über Stiefelanhaftungen auf den Bewirtschaftungsgang verschleppt werden, sollten Tränkeeimer nie auf dem Gangboden abgestellt werden. Nach der Reinigung der Tränkgeschirre empfiehlt es sich, diese in einem Raum zu lagern, der vom Stallbereich getrennt ist. Dieser sollte auch Schutz vor Staub und Feuchtigkeit bieten und ein schnelles Trocknen der Eimer und Nuckel nach der Reinigung und den Ablauf von Restwasser ermöglichen (Abb. 12 & 13).

Infektionsrisiken können auch von Fliegen und den Hinterlassenschaften von Schadnagern, Katzen und Hunden ausgehen. Abdeckungen von Tränkeeimern, Milchlagern und Vorratsbehältern für Milchaustauscherpulver und feste Futtermittel können hier einfach Abhilfe schaffen (Abb. 16). Stroheinstreu sollte Futtermittelqualität besitzen. Andere Einstreumaterialien sollten optisch einwandfrei und ohne Anzeichen von Verpilzung oder Schmutzanhaftungen sein.

Unterschätzt wird oft der Faktor Mensch als Übertragungsrisiko. Eine grundlegende Voraussetzung für die Arbeit im Kälberbereich ist es, den Arbeitstag mit frisch gewaschener Kleidung zu beginnen. Wird dem Kalb Tränkunterstützung gegeben sollte das immer mit sauberen Schürzen (ggf. Einmalschürzen) und Stiefeln sowie Einmalhandschuhen erfolgen. Um Hände, Schürzen und Stiefel sauber zu halten gehören in jedes Stallabteil Waschbecken mit Warmwasser sowie mit einem Abfluss versehene Plätze, um Schürzen und Stiefel gründlich reinigen zu können. Entscheidend ist weiter die Reihenfolge der aufgesuchten Kälber. Prinzipiell sollen zuerst die jüngsten Kälber versorgt werden, danach ältere gesunde und zum Schluss kranke Kälber (Abb. 14). 

Zum Beispiel werden Kryptosporidien-Oozysten frühestens von Kälbern ab dem fünften Lebenstag ausgeschieden. Der Kontakt zum Kot dieser Kälber stellt für die jüngeren Tiere ein deutliches Infektionsrisiko dar. 

Damit Kot und Harn effektiv abfließen und dies nicht über den Bewirtschaftungsgang stattfindet, ist eine funktionierende Drainage der Einzel- und Gruppenbuchten essentiell. Haltungsbereiche, welche von außen zu bewirtschaften sind, mindern das Risiko der Erregereinschleppung über Kotreste an den Sohlen. Ein großzügiges Flächen- und Stallvolumenangebot von mindestens >3,3 m² bzw. 17 m³ je Kalb, reichlich trockene Einstreu und häufige Entmistungsintervalle sorgen in Abhängigkeit von der Gebäudestruktur für geringe Schadgaskonzentrationen und niedrige Luftfeuchtigkeit. Außerdem können Kälber in großräumigen Boxen frei zwischen Aufenthaltsbereichen mit unterschiedlichen Stallklimabedingungen wählen. Zur effektiven Reduktion von Atemwegserkrankungen sollten Kälber immer „im“ trockenen Stroh liegen können und nicht „auf“ dem Stroh (Abb. 15). Um zu erfahren, wie die Bedingungen für die Kälber in ihrem Haltungsabteil zu bewerten sind, kann man sich in die Einstreu knien und die Luftqualität unmittelbar über der Einstreu wahrnehmen. Wer sich nicht freiwillig in die Einstreu seiner Kälber legen möchte, feuchte Knie bekommt oder Ammoniakgeruch wahrnimmt, sollte reagieren und die Belegdichte reduzieren oder das Entmistungsintervall und die Einstreumenge erhöhen. Bei Außenklimaställen sollte Festfutter (Heu und Kraftfutter) witterungsgeschützt angeboten werden.

Tränkemilch sollte nach dem Melken zügig aus dem Haltungsbereich der Kühe bzw. dem Melkstand entfernt, vor Verschmutzung geschützt und sofort vertränkt oder auf 3°C gekühlt werden. Für eine Vorratstränke (bspw. ad-libitum-Tränke) wird empfohlen, diese durch Ansäuern zu konservieren. Hier verbleiben noch nicht aufgenommene Tränkemengen in der Regel 24 h im Tränkeeimer. In Abhängigkeit von der bereits beim Befüllen der Eimer bestehenden Keimbelastung und der Umgebungstemperatur kann eine erhebliche Vermehrung coliformer Keime über die Zeit begünstigt werden. Die Verwendung von Deckeln auf Nuckeleimern, Milkbars und ähnlichen Tränkeeinrichtungen ist zum Schutz der Tränke vor Staub, Fliegen oder Einstreuresten ebenfalls essentiell (Abb. 16). Bei der Pasteurisierung von Transitmilch (Kolostralmilch außer Erstkolostrum) ist zu beachten, dass thermolabile Bestandteile zerstört werden. Deshalb muss die Entscheidung herdenspezifisch abgewogen werden.

5.2 Überwachen, erkennen, behandeln

Durch Anwendung systematischer Hygienemaßnahmen für robuste Kälber mit stabilem Immunsystem und für einen geringen Erregerdruck wird es gelingen, den überwiegenden Teil der Kälber im Bestand gesund zu halten. Dabei bleibt es jedoch trotzdem wichtig, den Gesundheitsstatus der Kälber kontinuierlich zu überwachen. Je schneller eine aufkommende Erkrankung erkannt wird, umso besser sind die Heilungschancen und umso kürzer sind Behandlungsdauer und -intensität.

Es hat sich sehr gut bewährt, die Gesundheitsüberwachung der Kälber mit in die tägliche Arbeitsroutine aufzunehmen. Das Konzept sollte einfach sein und möglichst in Zusammenarbeit mit der betreuenden Tierarztpraxis betriebsindividuell erarbeitet werden (Beispiel: Neumühler Kälbercheck). Schon wenige Tage vor den klassischen Krankheitssymptomen, beispielsweise Durchfallkot, ist oft bereits ein Rückgang der Tränkeaufnahme und der Bewegungsaktivität zu beobachten.

Während der täglichen Versorgung der Kälber werden die Tiere mehrfach in Augenschein genommen. Während dieser Arbeitsgänge können auch kranke Kälber schnell erkannt werden, das Wissen über erste Anzeichen und Erkrankungssymptome vorausgesetzt. Für auffällige Kälber sollte es im Betrieb ein strategisches Untersuchungs- und Behandlungskonzept geben. Eine einfache, schriftliche und vor Ort gut sichtbare Dokumentation zur Kennzeichnung der auffälligen Kälber ist zur sicheren und richtigen Weitergabe der Informationen unerlässlich. Farbliche Markierungen an der Boxenfront oder Vermerke auf Dokumentationskarten, zum Tränkeverhalten, den beobachteten Erkrankungssymptomen (Vitalität des Kalbes, Veränderungen der Kotkonsistenz, des Nabels oder der Atmung) oder den getätigten Behandlungen erleichtern die Beurteilung und die Entscheidung für das weitere Handeln. Die zu beurteilenden Faktoren müssen einfach zu ermitteln und eindeutig zu bewerten sein. Ein Beispiel ist die Verwendung transparenter Tränkeeimer zur Feststellung der Tränkemenge (Abb. 15). 

Eine regelmäßige z.B. halbjährliche Auswertung der möglichst digital dokumentierten Informationen zu Erkrankungshäufigkeit und Behandlungserfolg gemeinsam mit der Tierarztpraxis kann helfen, die Ursachen für Erkrankungen schnell zu entdecken und abzustellen.

Kranke Kälber nehmen weniger Futter auf und verwerten dieses auch schlechter. Deshalb kann auch der Wachstumsverlauf der Kälber wichtige Hinweise zum Gesundheitsstatus des Kälberbestandes und die Wirksamkeit der getätigten Hygienemaßnahmen sein. Deshalb gehört auch die Kälberwaage zur Grundausrüstung eines betrieblichen Hygienekonzeptes.

Feste Konzepte, Checklisten oder Handlungsanweisungen, gemeinsame Schulungen und Gespräche im Betrieb oder im betrieblichen Austausch erhöhen die Sicherheit dafür, dass alle Mitarbeitenden die Situation gut beurteilen können und wollen.

Weitere Informationen

Neumühler Kälbercheck

Triesdorfer Kälbertafel

Neumühler Kälber-Check: Woran erkennt man, dass ein Kalb gesund ist?

Absetzkälber

Alle Maßnahmen für gesunde kleine Kälber sollten auch für die Absetzkälber weitergeführt werden. 

Nach der Geburt gibt es für Aufzuchtkälber zwei weitere kritische Phasen, die mit Stress und daher mit erhöhter Krankheitsanfälligkeit verbunden sind. Das ist zum einen die Gruppenbildung und zum anderen das Absetzen von der Tränke. Klassische Faktorenerkrankungen, die in diesen Situationen vermehrt auftreten können sind Rindergrippe und Kokzidiose. Gegen beide Probleme helfen viel Platz, gute Hygiene und gute Luft (gegen Grippe zusätzlich auch eine Impfung). Zudem sollte die Gruppenbildung und -wechsel nicht gleichzeitig mit anderen Stressoren (Futterumstellung, Enthornung) erfolgen. Die Entwöhnung sollte nicht vor Ende der zwölften Lebenswoche und nach einer mehrwöchigen Abtränkephase stattfinden. Nachfolgend sind spezifische Stressoren für die Absetzkälber genannt: 

  • Kokzidien

  • Zeitpunkt spezifischer Impfungen

  • Futterumstellung (siehe Exkurs: Wichtige Punkte zur Kälberfütterung)

  • Stallwechsel/ Gruppenwechsel

Der Spieltrieb von Kälbern kann durch leicht zu reinigendes Spielzeug mit glatten Oberflächen oder hängende Ketten befriedigt werden. 

Bei geringeren Tierzahlen, bei denen die Bildung geschlossener Gruppen nicht möglich ist, kann der Gruppenwechselstress durch die Umstallung der Kälber in Kleinstgruppen (2-3 Tiere ) statt einzeln reduziert werden.

Die Neigung zum gegenseiten Besaugen ist auch genetisch bedingt. Dennoch kann auch die Anpassung der Umwelt das Risiko des Auftretens minimieren. Möglichkeiten zur Reduzierung wäre der Einsatz schwergängiger Sauger, die den Saugreflex befriedigen. Mit früher Gruppenhaltung anstelle von Paarhaltung kann die Konzentration auf den einen spezifischen Gruppenpartner reduziert werden. 

Zum Abtränken am Automaten hat sich der Stopp bei 2l/Tag bewährt. Eine Reduzierung in 0,2l Schritten bis 0,0l scheint das gegenseitige Besaugen zu fördern. 

Nehmen weibliche HF Kälber in der Tränkephase nicht 800g und mehr täglich an Gewicht zu, deutet das auf nicht ausgeschöpftes Wachstumspotenzial hin.

Weitere Informationen

MUD-Tierschutz: Optimierung der Gruppenhaltung von Kälbern im Hinblick auf Vermeidung des gegenseitigen Besaugens

Broschüre Beschäftigungsmaterial für Kälber

Fazit

Gesunde Kälber sind die Basis für eine optimale körperliche Entwicklung und eine spätere Leistungsfähigkeit und Robustheit der Rinder. Außerdem stärken sie die Zufriedenheit und Motivation der betreuenden Mitarbeitenden.

Die Gesundheit der Kälber kann durch gezielte Hygienemaßnahmen positiv beeinflusst werden. Dazu gehört auf der einen Seite die Förderung der Immunstabilität der Kälber durch die fachgerechte Vorbereitung der Mütter in der Trächtigkeit, die frühzeitige, qualitativ hochwertige und reichliche Gabe von Kolostralmilch sowie die bedarfsangepasste Haltung und Fütterung der Kälber selbst. Auf der anderen Seite ist der Erregerdruck vor allem zum Geburtszeitraum und in den ersten Lebenstagen so gering wie möglich zu halten. Das ist durch eine systematische und wirksame Reinigung und Desinfektion aller Oberflächen mit denen Kälber potenziell in Kontakt kommen, keimarme Einstreu, die erregerarme Bereitstellung der Tränke- und Futtermittel sowie eine minimierte Erregerübertragung durch das Tragen sauberer Schutzkleidung durch die betreuenden Personen gut zu erreichen. 

Gesunde, gut betreute Kälber motivieren das Team eines Betriebes, steigern die Freude an der Arbeit und erhöhen die Leistungsfähigkeit des Betriebs. Würdigt die Betriebsleitung eine erfolgreiche Kälberaufzucht, verstärkt dies den sorgfältigen Umgang mit den Kälbern und verankert Hygiene- sowie Gesundheitsprinzipien nachhaltig im Betriebskonzept. 

Der Grundsatz lautet Prävention statt Therapie! Eine sorgfältige Hygiene reduziert das Krankheitsrisiko der Kälber, ermöglicht ein gesundes Wachstum und maximiert das Leistungspotential der Tiere. Auch für das spätere Leben als potentielle Milchkuh ist diese Entwicklung wesentlich. Hygienemängel dagegen begünstigen das Auftreten von Erkrankungen (z.B. des Verdauungsapparates) und strapazieren die Ressourcen des Betriebs hinsichtlich Kosten, Betreuungsaufwand, Einsatz von Medikamenten und emotionaler Belastung. Insgesamt ist jedes gesunde Kalb ein Gewinn für den Betrieb – sowohl arbeitswirtschaftlich als auch im Hinblick auf den verantwortungsvollen Umgang mit den Tieren.

Literatur

  • Brinkmann, J. et al. (2020): Tierschutzindikatoren: Leitfaden für die Praxis – Rind. Vorschläge für die Produktionsrichtungen Milchkuh, Aufzuchtkalb, Mastrind. KTBL, Darmstadt, 2. Auflage
  • Brinkmann, J. et al. (2020): Tierschutzindikatoren für Aufzuchtkälber: Vorschläge zu Ziel- und Alarmwerten für die betriebliche Eigenkontrolle. KTBL und Thünen-Institut, Darmstadt 
  • Deutsche Veterinärmedizinische Gesellschaft (DVG) (2020): Fachgruppe "Hygiene und Infektionsbekämpfung". DVG-Leitlinie zur Prüfung chemischer Desinfektionsverfahren. EFSA Journal. 2022;20(3): e07030. DOI: 10.2903/j.efsa.2022.7030
  • Klein-Jöbstl, D. et al. (2014): Farm characteristics and calf management practices on dairy farms with and without diarrhea: A case-control study to investigate risk factors for calf diarrhea. Journal of Dairy Science, Volume 97, Issue 8, Pages 5110-5119. URL: www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0022030214003798
  • Kramer, A. et al. (2010): Ökobilanz chemischer und thermischer Desinfektionsverfahren. 
  • Raue, R. et al. (2016): Desinfektionsverfahren in der Tierhaltung - eine Bewertung. Tierärztliche Umschau, 71(12), 487-496.
  • Trotz-Wiliams, L. et al. (2007): Calf-level risk factors for neonatal diarrhea and shedding of Cryptosporidium parvum in Ontario dairy calves. Preventive Veterinary Medicine, Volume 82, Issues 1–2, Pages 12-28. URL: www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0167587707001079