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Kupierverzicht

Das Kürzen der Schwänze von Saugferkeln wurde in der konventionellen Tierhaltung lange als wirksamste Methode gegen Schwanzbeißen (Caudophagie) praktiziert. Nach den EU-rechtlichen Vorschriften und den Vorgaben des deutschen Tierschutzgesetzes ist dies aber nur in begründeten Ausnahmefällen erlaubt, wenn andere Maßnahmen, die Umwelt- und Haltungsbedingungen (insbesondere Management, Unterbringung, Bestandsdichte etc.) berücksichtigen, nicht greifen. Da Schwanzbeißen jedoch bekanntlich auch bei Schweinen mit kupiertem Schwanz vorkommt, ist das Kupieren keinesfalls die generelle Lösung des Problems. Die zugrundeliegenden multifaktoriellen Ursachen für ein Beißgeschehen werden dadurch nicht behoben. Die Risikofaktoren für Schwanzbeißen sind dabei sehr betriebsindividuell. Deshalb gibt es kein Patentrezept gegen dieses, als Caudophagie bezeichnete, Verhalten. Auch nekrotische Veränderungen sind Auslöser für Schwanzläsionen. Diese können durch körpereigene Reaktionen (z. B. auf Endotoxine) ausgelöst werden und Entzündungen hervorrufen. Endotoxine sind Stoffwechselprodukte gram-negativer Bakterien (z. B. Coli, Salmonellen, Pasteurellen), die sich z. B. durch eine stärkehaltige, rohfaserarme Fütterung im Darm rasant vermehren können. Darüber hinaus können Infektionserreger wie Streptokokken, PRRS und Mykoplasmen dazu führen, dass sich die Blutversorgung auf zentrale Organe konzentriert, was eine mangelhafte Blutversorgung der peripheren Körperteile zur Folge hat. Das Krankheitsbild wird als Schweine-Entzündungs- und Nekrose Syndrom (SINS) bezeichnet. Die hervorgerufenen nekrotischen Veränderungen fördern das Entstehen von Blutungen und Infektionen. Sie provozieren damit zusätzlich das Schwanzbeißen. Deshalb sind möglichst alle bekannten Risikofaktoren im Schweinestall zu überprüfen und etwaige Probleme abzustellen.

Nationaler Aktionsplan Kupierverzicht

Genau das ist der Sinn der betrieblichen Risikoanalyse im Rahmen des „Nationalen Aktionsplans Kupierverzicht“. Dieser ist am 01.07.2020 in das zweite Jahr gegangen. Das Ziel des Aktionsplans ist, den Anteil an Ohr- und Schwanzverletzungen auch bei kupierten Tieren während der Aufzucht und Mast zu reduzieren und schrittweise in die Haltung unkupierter Tiere einzusteigen.

Die Risikofaktoren werden häufig in sechs Hauptrisikobereiche unterteilt:

  • Beschäftigung
  • Stallklima
  • Gesundheit und Fitness
  • Wettbewerb um Ressourcen
  • Ernährung
  • Struktur und Sauberkeit der Bucht

Die Risikoanalyse beinhaltet eine Vielzahl von Beispielen für Optimierungsmaßnahmen. Für weitere Informationen finden Sie eine Übersicht von Ratgebern und Leitfäden zum Thema Kupierverzicht unter

www.ringelschwanz.info

Nationaler Aktionsplan Kupierverzicht

Nationales Wissensnetzwerk Kupierverzicht

Um Landwirten, Beratern und Tierärzten die Erhebung der Risikofaktoren und das Ausfüllen der Risikoanalyse zu erleichtern, wurde im Rahmen des Projektes „Nationales Wissensnetzwerk Kupierverzicht (NaWiK)“ die App „PIG-CHECK“ entwickelt. Über Smartphone oder Tablet können die erhobenen Faktoren und Optimierungsmaßnahmen eingegeben und jederzeit eingesehen werden.

Pig-Check

Schwanzbeiß-Interventions-Programm

Das Institut für Tierschutz und Tierhaltung im Friedrich-Loeffler-Institut hat das „Schwanzbeiß-Interventions-Programm“ (SchwIP) für Ferkelaufzucht und Mast entwickelt. Das SchwIP besteht aus dem Beratungs-Konzept der Betriebs-Planung, in das eine Software mit Wissensdatenbank zur betriebsindividuellen Analyse und Rückmeldung von Risiken für Schwanzbeißen eingebettet ist.

Schwanzbeiß-Interventions-Programm

Online Leitfaden

Es gibt einen Online-Leitfaden, in dem Sie eine kompakte Zusammenstellung bisheriger Erkenntnisse und Praxiserfahrungen zur Vermeidung von Schwanzbeißen mit vielen Informationen und Tipps rund um die Haltung unkupierter Schweine finden.

Aktuelle Forschungsprojekte

FitForPigs

Zur Beurteilung der Gesundheit der Tiere und zur Erhebung von Tiersignalen wird im Rahmen eines EIP Projektes die App „FitForPigs“ entwickelt. Diese App gibt neben Hinweisen zu typischen Krankheitsbildern beim Schwein auch Tipps zur Erkennung von begünstigenden Faktoren, die zu Schwanzbeißen führen können.

FitForPigs

Verbundprojekt zum Verzicht auf Schwanzkupieren beim Schwein (KoVeSch)

Ziel des Konsortialprojektes ist es, Schweinehaltern konkrete Hilfestellung für betriebsspezifische Optimierungsmaßnahmen zu geben, mit denen sie in die Lage versetzt werden, auf das Schwanzkupieren beim Schwein zu verzichten. Hierzu wird ein neuartiger Ansatz verfolgt, bei dem ausgehend von maximal optimierten Buchten schrittweise Maßnahmen reduziert werden. Am Ende des Projekts können so verschiedene Umsetzungsmöglichkeiten minimal notwendiger Optimierungsmaßnahmen beschrieben werden („vom Optimum zum Notwendigen“). Durch die begleitende Erfassung der Kosten und des Arbeitsaufwandes erhalten Tierhalter zusätzliche Entscheidungsgrundlagen für betriebsspezifische Optimierungsmaßnahmen. Um Tierhalter bei der notwendigen Tierkontrolle zu unterstützen, werden weiterhin parallel verschiedene innovative Methoden der Früherkennung von Schwanzbeißen entwickelt und getestet.

Das Projekt wird vom Institut für Tierschutz und Tierhaltung des Friedrich-Loeffler-Instituts koordiniert und gemeinsam mit der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft, dem Bildungs- und Wissenszentrum Boxberg (LSZ), den Landwirtschaftskammern Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein und der Christian-Albrechts-Universität Kiel, Institut für Tierzucht und Tierhaltung über eine Laufzeit von 3 Jahren bearbeitet.

Projektinformationen Friedrich-Loeffler-Institut

Projektinformationen Landwirtschaftskammer Niedersachsen

Projektinformationen Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen

Projektinformationen LfL Bayern

Projektinformationen LSZ Boxberg