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Beschäftigungsmöglichkeiten und Raumstrukturierung in der Putenhaltung

Reduzierung von Federpicken und Kannibalismus in der Putenhaltung

Federpicken und Kannibalismus sind nicht nur in der Haltung von Legehennen, sondern auch in der Putenhaltung ein zentrales Thema. Langjährige Untersuchungen haben gezeigt, dass diese Verhaltensstörungen multifaktoriell ausgelöst werden und optimal eingesetztes Beschäftigungsmaterial und eine gute Stallstrukturierung zur Gegensteuerung einen möglichen Ansatz bieten. Der Verzicht auf das Schnabelkürzen wird sowohl in der Legehennenhaltung, als auch in der Putenhaltung diskutiert. Seit 2017 wird auf das Schnabelkupieren bei Legehennen verzichtet. Bei Puten wurde 2017 die Zielsetzung in Hinblick auf den Verzicht auf Schnabelkürzen noch zurückhaltender formuliert, da die Erkenntnisse zu den Ursachen von Federpicken und Kannibalismus bei Puten noch deutlich unvollständiger waren als bei Legehennen. Zudem erschien bei Puten der Verzicht auf das Schnabelkürzen bei Hennen machbarer als bei Hähnen. Im Jahr 2017 prüfte deswegen eine Machbarkeitsstudie den Ausstieg aus dem Schnabelkürzen in der Putenmast. Unter der Federführung von Dr. Jutta Berk (Friedrich-Loeffler-Institut) wurde die Machbarkeitsstudie 2018 abgeschlossen und kam zu dem Ergebnis, dass die flächendeckende Umsetzung des Verzichts zum damaligen Zeitpunkt nicht empfohlen werden konnte. Da Federpicken und Kannibalismus auch weiterhin eine Herausforderung für die Putenhaltung darstellen, stehen Beschäftigungsmöglichkeiten und Raumstrukturierung im Fokus aktueller Forschungsprojekte.

Im Rahmen des Netzwerk Fokus Tierwohl wurde von den ostdeutschen Bundesländern ein Online-Seminar zum Thema Beschäftigungsmöglichkeiten und Raumstrukturierung in der Putenhaltung angeboten und über den aktuellen Stand zu diesem Thema aus der Sicht der Wissenschaft und Praxis informiert.  

Dabei referierte Frau Dr. Jutta Berk (Friedrich-Loeffler-Institut) über ihre langjährigen Erfahrungen in der Wissenschaft und Praxis aus mehreren Forschungsprojekten zum Thema Beschäftigungsmöglichkeiten und Raumstrukturierung.

Geeignetes Beschäftigungsmaterial für Puten

Puten können sich sehr ausdauernd mit ihrer Haltungsumwelt auseinandersetzen aber auch sehr schnell das Interesse an bestimmten Beschäftigungsmaterialien verlieren. Deswegen soll laut Dr. Berk mit Beschäftigungsmaterial optimalerweise neben einer langen Beschäftigungsdauer auch ein Erfolgserlebnis durch Manipulation des Materials ermöglicht werden. Als Beschäftigungsmaterial geeignet sind zum Beispiel Heu- oder Silagekörbe, Pickblöcke oder Metallobjekte.

Neben Beschäftigungsmaterial ist die Stallstrukturierung ebenso wichtig für eine ausgeglichene Herde. Besonders Strohballen und erhöhte Ebenen im Stall, aber auch das Angebot eines Außenklimabereichs haben sich als Strukturelemente als effektiv gezeigt. Wichtig für Puten ist das „Aufbaumen“, also das erhöhte Sitzen. Dies ist ein natürliches Verhalten und dient in freier Wildbahn als Schutzreaktion vor Prädatoren. Das Aufbaumverhalten ist offensichtlich auch bei seit langem züchterisch zu Nutzungszwecken bearbeiteten Puten genetisch noch fest verankert, so dass sie diese Verhaltensweise bei entsprechendem Angebot immer noch ausüben. Dabei sollten die erhöhten Sitzangelegenheiten so gestaltet werden, dass sie für die Tiere in allen Altersstufen gut erreichbar sind und beim Verlassen keine Verletzungen entstehen können.

Die Untersuchungen von Dr. Berk haben gezeigt, dass die Nutzung der Beschäftigungsmaterialien und Strukturelemente mit zunehmendem Alter, vor allen Dingen bei den Putenhähnen durch Eintritt der Geschlechtsreife, abnimmt. Von Sitzstangen, wie sie im Legehennenbereich verwendet werden, rät Dr. Berk wegen der höheren Druckbelastung im Brustbereich und damit verbundenen tierschutzrelevanten Schäden eher ab. Optimaler für die Tiere sind größere erhöhte Flächen, wie Sitzebenen oder Strohballen. Abschließend ging Dr. Berk auf das Licht als Strukturelement im Stall ein. Infolge mehrerer Untersuchungen weiß man mittlerweile, dass auch das Lichtmanagement, die Lichtfarbe und -helligkeit eine große Rolle beim Auftreten von Federpicken und Kannibalismus bei Puten spielen. Derzeit arbeitet Dr. Berk daher zusammen mit Dr. Ronald Günther und Prof. Silke Rautenschlein, Leiterin der Geflügelklinik an der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, an dem MuD-Projekt „PuLi“, das das Ziel verfolgt, durch ein optimales Lichtmanagement Federpicken und Kannibalismus bei Puten zu minimieren und Wege für eine Haltung von Puten mit intakten Schnäbeln aufzuzeigen. Ergebnisse aus diesem kürzlich gestarteten Projekt gilt es in zukünftigen Veranstaltungen an den Tierhalter weiterzugeben, damit neueste wissenschaftliche Erkenntnisse in die breite Praxis getragen werden.

Erfahrungen mit unterschiedlichen Beschäftigungsmaterialien

Frau Jennifer Gonzalez (Landesamt für ländliche Entwicklung, Landwirtschaft und Flurneuordnung) berichtete im Rahmen eines zweiten Vortrags zu ihren Erfahrungen aus einem Versuch zur Messung von Pickverhalten bei Puten und stellte Ansätze anderer Forschungseinrichtungen vor. Dabei wurden je nach Projekt ganz unterschiedliche Ansätze gefahren.

Ein außergewöhnliches Projekt testete das Angebot von lebendigen Larven der Schwarzen Soldatenfliege bei Putenhähnen als Beschäftigungsmaterial aus. Die lebenden Larven wurden in die Einstreu gegeben und von den Tieren sehr gut akzeptiert. Auffällig war, dass nahezu 100% der Tiere sich mit den Larven beschäftigten, allerdings auch nur eine kurze Zeit nach der Gabe. Nach der Geschlechtsreife nahm das Interesse an den Larven deutlich ab. Eine nicht zu vernachlässigende Herausforderung, sowohl organisatorisch als auch finanziell, war der Transport der lebenden Larven, da diese durchgängig gekühlt werden mussten.

Im Zuge des zweiten Projektes, das Frau Gonzalez vorstellte, wurden verschiedene automatische Beschäftigungsanlagen entwickelt und auf ihre Praxistauglichkeit untersucht. Zwei der Anlagen zielten auf das Futtersuchverhalten als Beschäftigung ab. Getreide, Leguminosen oder Silagen wurden je nach Anlagenkonzept automatisch über Fördersysteme in Futterschalen und Futterrohren angeboten. Besonders gut angenommen wurden Maissilagen. In einem Teilversuch zeigte sich, dass schnabelkupierte Puten mehr Schwierigkeiten hatten das Material aus den Öffnungen zu picken als unkupierte Tiere. Sie verloren durch fehlende Erfolgserlebnisse schneller das Interesse an dem Beschäftigungsangebot. Eine andere automatisierte Lösung kann ein Einstreu- und Beschäftigungssystem in einer Anlage sein. Dabei wurde feine Einstreu, wie Strohmehl, aber auch zusätzliches Beschäftigungsmaterial wie Haferflocken und Kälbermüsli über Fallrohre in regelmäßigen Abständen eingebracht. Die regelmäßige Gabe von lockerem Einstreumaterial sollte sowohl der Beschäftigung der Tiere durch Scharren und Staubbaden dienen, als auch zur Automatisierung des Einstreuvorganges beitragen. Die alternativen Beschäftigungsmaterialien wurden hierbei vor allem vor der Geschlechtsreife angenommen, während bei älteren Tieren das Interesse deutlich abnahm. Auch an dem stetig eingebrachten Einstreumaterial zeigten die Tiere wenig Interesse.

Abschließend stellte Frau Gonzalez noch ein Projekt vor, bei dem die Pickaktivität als Hinweis aufsteigender Unruhe und den damit verbundenen Beginn von Federpicken und Kannibalismus untersucht wurde. Über ein mit einem Mikrofon bestücktes Pickobjekt wurde die Anzahl der Pickschläge kontinuierlich erfasst. Mit dem Ergebnis, dass die Pickschläge am Pickobjekt über den Tagesverlauf und mit zunehmendem Alter weniger wurden. Auch wenn alle von Frau Gonzalez vorgestellten Konzepte eine weitergehende Optimierung benötigen, wird die Notwendigkeit der vielfältigen Lösungsvarianten zur Verhinderung von Kannibalismus deutlich.

Bedeutung von Einstreu als Beschäftigungsmaterial

Dr. Ronald Günther (Fachtierarzt für Geflügel) vervollständigte die Informationsveranstaltung mit seinem breiten Praxiswissen aus der Putenhaltung. Dr. Günthers Erfahrung nach, ist vor allen Dingen die Einstreu ein nicht zu unterschätzendes Beschäftigungsmaterial. Die Einstreu sollte immer locker und trocken sein. Neben Stroh können auch andere Materialien als Einstreu genutzt werden, wie z.B. Hobelspäne, Strohpellets, Holzmehlpellets, Lignozellulose, Dinkel- oder Reisspelzen und vieles mehr. Strohballen stellen ein zusätzliches Beschäftigungsmaterial dar und fungieren gleichzeitig als Strukturelement. Sie werden von den Tieren sehr gern und anhaltend genutzt. Dass es einen gewissen Unterschied zwischen menschlicher Intention und tierischem Interesse bei Beschäftigungsmaterialien gibt, konnte Dr. Günther in seinem Vortrag durch zahlreiche Praxisbeobachtungen zeigen. So können die Tränke- und Futtereinrichtungen im Stall oder die Bausubstanz das Interesse der Puten wecken, so dass die Tiere sich hiermit beschäftigen, anstatt sich mit dem eigentlichen Beschäftigungsmaterial auseinander zu setzen. Den Teilnehmern gab Dr. Günther mit an die Hand, immer einen „Notfallkoffer“ parat zu haben. Sprich Beschäftigungsmaterial auf Vorrat vorzuhalten, welches bei unruhigen Herden oder vermehrtem Pickverhalten sofort eingesetzt werden kann. Dabei sollte der Tierhalter das Material benutzen, was erfahrungsgemäß am besten bei der Herde funktioniert. Wichtiger als das Material sind aber, nach Einschätzung von Dr. Günther, die Tierbeobachtungen, das rechtzeitige Eingreifen und die Wahlmöglichkeit der Tiere zwischen unterschiedlichen Beschäftigungsmaterialien. Das Vorhandensein eines Außenklimabereichs ist für Dr. Günther ein wesentlicher Aspekt der Stallstrukturierung, neben verschiedenen Funktionsbereichen wie z.B. Rückzugsbereichen oder Futter- und Tränkebereichen. Durch den Außenklimabereich erhalten die Tiere nicht nur Struktur, sondern können auch zwischen alternativen Temperatur- und Lichtbereichen wählen. Die damit einhergehende Bewegung dient ebenfalls als Beschäftigung. Auch wenn Außenklimabereiche sehr viel für das Vermindern von Federpicken und Kannibalismus bewirken können, so stehen sich an diesem Punkt Tierschutz und Bau- und Immissionsrecht gegenüber. So kann es passieren, dass Genehmigungen für den Anbau an bestehende Ställe durch immissionsrechtliche Vorgaben nicht erteilt werden.

Im Anschluss an die Vorträge kamen gute und lange Diskussionen seitens der über 30 Teilnehmer auf. Die Veranstalter und die Referenten freuten sich sehr über die Vielzahl an Interessierten und sehen bei diesem Thema noch weiterhin Forschungsbedarf, aber auch Wissenstransfer-Bedarf in die breite Praxis. Somit war diese Veranstaltung ein guter Start in die richtige Richtung!

Autoren: Anne Helene Ahrend (LLG), Patricia Lößner (LFA), Svenja Reich (LfULG), Natalie Wagner (LELF)